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Pulse Survey: Fashion 2021

Das erwartet die Modebranche

Pulse Survey zur Entwicklung des Fashion-Marktes: Händler, Hersteller und Finanzierer in ihrem Ausblick uneinig

Frankfurt am Main, 20.04.2021. Innerhalb der nächsten 24 Monate werde der stationäre Mode-Absatz wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen. Davon gehen nur 53 Prozent der Modehersteller und 21 Prozent der Finanzierer und Warenkreditversicherer aus. Anders die Einschätzung der Modehändler: Hier zeigen sich 72 Prozent optimistisch, dieses Ziel wieder zu erreichen. Mehr als jeder dritte (35 Prozent) Moderhersteller sieht das Vor-Corona-Niveau nie wieder zurückkommen. Auf Seiten der Finanzierer schätzen das mehr als die Hälfte (53 Prozent) so ein. Das ist das Ergebnis der Pulse Survey ‚Fashion 2021‘ der Unternehmensberatung FTI-Andersch.

  • Umbau des Handels zu einem ‚Ort des Erlebnisses‘ und ‚Casualisierung‘ der Mode als wichtigste Herausforderungen genannt
  • 88 Prozent der Händler sehen Social-Media-Plattformen als wichtigen neuen Vertriebskanal an – aber nur ein Viertel davon für sich selbst
  • Überkapazitäten sollen vor allem über Rabattaktionen abgebaut werden

„Wir sehen hier eine deutliche Diskrepanz in der individuellen Einschätzung der jeweiligen Gruppen“, sagt Mike Zöller, Partner und Retail-Experte bei FTI-Andersch. „Der Eindruck drängt sich auf: Je stärker das eigene Geschäftsmodell vom stationären Handel abhängt, desto optimistischer wird die Lage eingeschätzt. Das ist psychologisch nachvollziehbar, hinsichtlich einer realistischen mittel- bis langfristigen Geschäftsplanung jedoch sehr gefährlich. Vor allem die Einzelhändler tendieren dazu, die geschäftliche Entwicklung nicht ausreichend realistisch einzuschätzen. Das Resultat können schwerwiegende Management-Fehler sein, die jetzt getätigt werden. Der größte wäre bloßes Abwarten.“

 

Strategische Herausforderungen und Initiativen schätzen die Befragtengruppen ähnlich ein

Gefragt nach den größten Herausforderungen der nächsten 36 Monate waren sich Modehändler und -hersteller in der Pulse Survey einig: Auf Platz eins wurde jeweils die Entwicklung des stationären Handels zu einem ‚Ort des Erlebnisses‘ gewählt. Gefolgt von der ‚Casualisierung‘ in den Tragegewohnheiten der Kundinnen und Kunden – also einer Präferenz auf Freizeit- und legere Kleidung, weg von Business- und Anlasskleidung. Die Finanzierer halten diese Entwicklung der Fashion-Branche für die wichtigste. Sie haben als zweitgrößtes Problem benannt, dass auch mittelfristig keine Renditesteigerungen zu erwarten sind. Die Konditionierung des Konsumenten zu einem fortwährenden Schlussverkauf (‚Dauer-Sale‘), sinkende Besucherfrequenzen und gestiegenes ökologisches Bewusstsein wurden geringer priorisiert, obgleich als relevant eingestuft.

Gefragt danach, was daraus folgen muss, haben alle befragten Gruppen angegeben, dass eine Steigerung der Online-Kompetenz von Handel und Industrie die wichtigste strategische Initiative der nahen Zukunft sein muss. Ebenfalls in die Top drei aller Gruppen hat es die Verringerung des Sortiments geschafft. Hersteller und Händler wollen zudem Qualität steigern und Preise erhöhen. Finanzierer sehen als zweitwichtigsten Punkt eine Ausdünnung des bisherigen Filialnetzes an.

 

Beispiel ‚Social Media als Vertriebskanal‘: Befragtengruppen ziehen unterschiedliche Schlüsse aus Herausforderungen

Dorothée Fritsch ist Direktorin und Expertin für die Fashion-Branche bei FTI-Andersch. „Anders als bei der Einschätzung der Marktentwicklung sehen wir bei den benannten strategischen Herausforderungen und Initiativen vergleichsweise große Einmütigkeit mit erklärbaren Nuancen“, sagt Dorothée Fritsch. „Die unterschiedlichen Schlüsse, die daraus gezogen werden, begründen sich auch nach unserer Alltagsbeobachtung in der Branche in der Tat auf unterschiedlichen Annahmen zur Geschäftsentwicklung. “

Diese Experten-Beobachtung untermauert eine Einschätzung dazu, welche Rolle Social-Media-Plattformen als Vertriebskanal künftig einnehmen werden. Nur 25 Prozent der Händler sagen, dass dies ‚auf jeden Fall‘ als Absatzkanal den eigenen Online-Shop überholen könne. 63 Prozent sehen es als möglich an (‚für uns nicht, aber für andere‘). Bei den Modeherstellern hält sich dies die Waage: Jeweils 47 Prozent bewerten es als wichtig für sich und/oder für andere. „Viele Hersteller haben diesen Trend häufig schon längst aufgegriffen“, sagt Dorothée Fritsch. „Für sie ist es ein weiterer Weg, direkt an den Endkunden zu verkaufen und die Markenwahrnehmung zu stärken.“ Bei den Finanzierern ist deutlich mehr als die Hälfte (54 Prozent) davon überzeugt, dass Social-Media-Plattformen den individuellen Online-Shops den Rang ablaufen werden.

Dorothée Fritsch sagt: „Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Teufel im Detail steckt. Alle sind sich einig, dass sie ihre Online-Kompetenzen erhöhen müssen. Nur den Grad dieser Erhöhung und natürlich auch die Absprungbasis definieren vor allem Händler und Hersteller sehr unterschiedlich. Bei der Präferenz des Handels für diese neue Form des Vertriebs lässt sich schon jetzt einschätzen, dass eher eine Minderheit heute die notwendigen Voraussetzungen schaffen wird, um an dieser Stelle künftig wettbewerbsfähig zu sein.“

 

Warenüberbestand soll überwiegend über Rabattaktionen abgebaut werden

Durch die ausgefallenen Saisons in der Coronakrise hat sich der Warenüberbestand bei Händlern und Herstellern noch einmal deutlich verschärft. „Was mit diesem Überbestand zu tun ist, das ist in der Fashion-Branche ein überwiegend ungelöstes Problem“, sagt Mike Zöller. Finanzierer und Hersteller haben vor allem eine Präferenz für großflächige Rabattaktionen, auch für Händler scheint dies aktuell die wahrscheinlichste Option. Trotzdem gehen sie von einem langsamen Abverkauf bei durchaus hohen Lagerkosten aus. Finanzierer würden dem Vertrieb über Drittverwerter, wie zum Beispiel Schusterman & Borenstein (‚Best Secret‘), eine höhere Präferenz einräumen – Hersteller und Händler sind da zögerlicher. Der Handel geht davon aus, die überschüssige Ware vor allem in die nächsten Kollektionen mit zu übernehmen. Thermische Verwertung und Spenden wurden als weniger relevant eingestuft.

„En gros ergibt sich ein Bild, in dem vor allem die Finanzierer alle möglichen Optionen ausloten wollen, während Hersteller und Händler zurückhaltender und mit klareren Präferenzen agieren“, sagt Mike Zöller. „Realistisch muss man sagen, dass es hier schon sehr stark auf die individuelle Situation des einzelnen Unternehmens ankommt. Jeder Vorstand, jede Geschäftsführung muss jetzt ganz individuell entscheiden, wie sich der Schaden möglichst minimieren lässt. Dazu rate ich, nicht frühzeitig Optionen vom Tisch zu nehmen. Sondern gemeinsam mit Finanzierern und Stakeholdern zu erörtern, in welcher Form der individuelle Mix bestmöglich gestaltet werden kann.“

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Über die Untersuchung:

Im April 2021 hat die Unternehmensberatung FTI-Andersch 82 Modehersteller, -händler und -Finanzierer/Versicherer in einer Pulse-Survey zu aktuellen Einschätzungen hinsichtlich der Markt- und Geschäftsentwicklung in der Fashion-Branche in Deutschland befragt. Das Ergebnis kann nicht als repräsentativ angesehen werden, sondern gibt einen zeitlich einzuordnenden ad-hoc-Eindruck wieder. Aus Sicht der Fashion- und Retail-Experten von FTI-Andersch decken sich die hier quantitativ erhobenen Eindrücke grundsätzlich mit dem, was sie sowohl bei Fashion-Handel als auch -Herstellern aktuell in ihrem geschäftlichen Alltag beobachten. Die gesamte Pulse Survey ‚Fashion 2021‘ können Sie hier herunterladen.

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Über FTI-Andersch:

FTI-Andersch ist eine Unternehmensberatung, die ihre Mandanten in der Entwicklung und Umsetzung tragfähiger Zukunfts-/Performance- sowie Restrukturierungskonzepte unterstützt. FTI-Andersch unterstützt aktiv Unternehmen, die sich mit operativen oder finanzwirtschaftlichen Herausforderungen beschäftigen müssen – oder frühzeitig Geschäftsmodell, Organisation und Prozesse zukunftsfähig auszurichten möchten.

Zu den Mandanten zählen insbesondere mittelständische Unternehmen und Konzerne, die international agieren. FTI-Andersch ist Teil der international agierenden FTI-Consulting-Gruppe (NYSE: FCN) mit mehr als 5.500 MitarbeiterInnen.